Toshiya 5-2008

Was haben Pirouetten mit Zenkutsu zu tun?

„Oh Mensch, lerne tanzen,
sonst wissen die Engel im Himmel
nichts mit dir anzufangen.“
(Hl. Augustinus)

Eins, zwei, drei…… eins, zwei, drei ……. Der Schall einer kräftigen und unbarmherzigen Stimme erreicht einen bereits im Treppenhaus.
Der Rhythmus der gesprochenen Takte begleiten mich wie ein Metronom, hinein in eine Art Parallelwelt, in der alles perfekt und pastellfarben scheint.
Ich öffne die Tür zur Schule und betrete den Eingangsbereich. Keine Bilder von Gichin Funakoshi, keine japanischen Kalligraphien. Stattdessen laufe ich fast gegen einen Puppentorso, bekleidet mit einem Tütü aus weiß-goldener Spitze.

Die Stimme kommt nun aus dem Raum gleich hinter mir. Die gesprochenen Takte mischen sich mit Tönen klassischer Pianomusik. Ich höre wie die Melodie in ein gefühlvolles Adagio übergeht. Oh…. jetzt muss ich mich aber beeilen! Die Vorgruppe ist gleich fertig.
Schnell ins Trikot und in die rosa Strumpfhose, an die ich mich nach 2 Jahren immer noch nicht so recht gewöhnen möchte. Meine Ballettschläppchen haben auch schon bessere Tage gesehen…. was soll’s, jetzt schnell in den Saal!

Die Vorgruppe, junge Mädchen zwischen 12 und 20 Jahren, kommen mir verschwitzt und außer Atem entgegen. Beim Betreten des Ballettsaales mache ich eine kurze japanische Verbeugung. Daran hat sich meine Ballettlehrerin bereits gewöhnt.
Es geht auch schon gleich zur Sache und nach einem Warm-up stehe ich mit 10 anderen Frauen zwischen 20 und 50 Jahren (!) an der Stange.

Die Pliés stehe ich mittlerweile ohne Fußkrämpfe durch. Spätestens bei den Grand battements richtet sich die erbarmungslose Kritik meiner Lehrerin an mich: „Standbein durchstrecken, Hüfte gerade, Schultern zurück, Arme halten, Gesicht entspannen, Bauchmuskeln anspannen!“
Ich habe eine Art Dejà-vu und denke daran, dass ich die gleiche Kritik bereits vor 22 Jahren in meinen ersten Karatelehrjahren gehört habe.
Beim Hochhalten des gestreckten Beines in mindestens 90 Grad Höhe und bei den Pirouetten (Ushiro-geri lässt grüßen) kann ich dann wieder punkten.
Das Streching zum Seit- und Querspagat treibt mir dann noch mal die Schweißperlen auf die Stirn und lässt Schmetterlinge vor Schmerz in meinem Magen tanzen. Auch das ist ein bekanntes Gefühl, das ich dachte, hinter mir gelassen zu haben.

Nach der Stange geht es in die Saalmitte zu den tänzerischen Kombinationen.
Der mitfühlende Blick meiner Lehrerin Inessa lässt mich schier verzweifeln. Ich komme mir vor wie eine Bohrinsel auf Schläppchen. Danach schickt mir Inessa einen aufmunternden Blick zu und sagt: “Das wird schon.“
Ich sehe Sensei Hideo Ochi vor mir und höre seine Worte: „Du machen tausend Mal, dann kommt!“

Ich bin 36 Jahre alt. Seit 22 Jahren lerne und lebe ich Karate. Vor 2 Jahren habe ich mit Ballett begonnen. Zunächst um einen nicht erfüllten Kindheitstraum zu verwirklichen und mittlerweile als Bereicherung für mein Karate. Wenn ich die Frage nach meinen Hobbies mit „Karate und Ballett“ beantworte, reichen die spontanen Reaktionen meiner Gegenüber von Lachkrämpfen bis hin zu Unglauben oder Verzückung.
Kommentare wie „gegensätzlicher geht es wohl kaum“ oder „das geht ja gar nicht“ kann ich gelassen dementieren.
Die Bewegungsabläufe im Ballett sind verblüffend ähnlich derer im Karate.
Ein Hohlkreuz bei einer der Drehungen (z.b. Pirouetten) wirft einen regelrecht um.
Das Knie im Standbein nicht durchgestreckt, bedeutet im schlimmsten Fall Bauchlandung aber mindestens instabiler Stand und zu wenig Dynamik für die nächste Pose oder Drehung. Pendant hierzu wäre ein Zenkutsu-dachi in der Endphase mit nicht durchgestrecktem hinteren Bein. Auch dabei geht die nach vorne gerichtete Dynamik eher „nach hinten los“.
Die Hüfte wird gerade gerichtet und leicht über das Schambein nach oben gekippt, um dem Rücken die nötige Stabilität zu geben. Es wird aus der „Mitte“ heraus gearbeitet. Dies gilt für Ballett und Karate.
Dies sind nur kleine Beispiele, die verdeutlichen, wie ähnlich die Arbeit mit dem Körper mit der im Karate ist.

Im Karate kommen Dehnung und Kräftigung oftmals zu kurz. Der Körper kann dadurch für die immer höheren Anforderung nicht ausreichend vorbereitet werden. Durch die hohe Dynamik und Geschwindigkeit in der Technikausführung ist eine gute Dehnfähigkeit und Kräftigung der Muskulatur unerlässlich um Disbalancen, Haltungsfehler oder Verletzungen vorbeugen zu können.

Im Ballett ist jede einzelne Pose oder Technik eine Art Dehn- oder Kraftübung. Schon einfache Übungen wie Pliés erfordern ein hohes Maß an Dehnungsfähigkeit der Achillessehne und der Fußstrecksehne.
Posen müssen auf einem Fußballen oder sogar auf dem dicken Zeh und dem Nachbarzeh (Spitzentanz) ausbalanciert werden, was nur mit einer gut trainierten Haltemuskulatur umgesetzt werden kann.

Ich bin selbst Trainerin einer kleinen Kata-Gruppe. Ich lasse Übungen aus dem Ballett in das Training mit einfließen, indem ich sie mit Karatebewegungen kombiniere. Vorteil ist, dass alle Bewegungen langsam ausgeführt werden und so fast automatisch zu Kräftigungs- und Balanceübungen werden. Darüber hinaus werden die Gelenke geschont, die Propriorezeption wird geschult, die Bewegungen werden bewusster ausgeführt und Haltungsfehler werden korrigiert.
Ein weiterer Vorteil der kombinierten Übung ist, dass dem Übenden erst mal gar nicht auffällt, dass er da eigentlich gerade Ballett macht. Mittlerweile habe ich mich „geoutet“ und meine „Opfer“ darüber aufgeklärt, dass ich sie u.a. mit kombinierten Ballettübungen quäle. Das Feedback war durchweg positiv. Bei einigen kann ich feststellen, dass die Dehnfähigkeit vor allem im unteren Rücken und Oberschenkelrückseite verbessert werden konnte. Vereinzelt hat sich sogar der Ehrgeiz entwickelt den Seitspagat zu trainieren.

Abschließend kann ich behaupten, seit ich Ballett mache, war Karate noch nie so einfach. Durch diese Aussage möchte ich Karate nicht abwerten. Aber eine gute Kräftigung und Balance erleichtern das Karate ungemein.