Toshiya 01-2013 (Magazin für Karate, Kampfsport & Kultur) & Karate Aktuell 01-2013

Ferse oder Fußballen?

Seit nunmehr einem Jahr biete ich Karate-Lehrgänge unter dem Konzeptnamen „Karate ist Tanz“ an. Wie der Titel vielleicht als Allerletztes vermuten lässt, geht es bei diesen Lehrgängen in erster Linie um Karate. Warum das Konzept dennoch so heißt erfährt man, wenn man sich auf das Abenteuer einlässt, daran teilzunehmen. In den Lehrgängen versuche ich dem Teilnehmer eine Sicht auf die (seine) Karatetechnik aus einem Blickwinkel heraus zu ermöglichen, den er möglicherweise seit langer Zeit vergessen hat.

Durch Wiederholungen und Fleiß erarbeiten wir uns Sicherheit und Routine in der Anwendung von Techniken. Diese Routine nimmt uns aber auch die Möglichkeit, unsere Technik unvoreingenommen und kritisch zu überprüfen. Der sogenannte „Tunnelblick“ hindert uns daran, uns weiter zu entwickeln. Aber nur wer die Fehler erkennt, kann sie ändern und aus ihnen lernen.
In meinen Lehrgängen hatte ich bislang das Glück ein paar wunderbare Augenblicke erleben zu dürfen. Besonders wertvoll sind die Augenblicke, in denen man in die erstaunten Gesichter blicken darf, die einen fragen, „warum hat uns das nie jemand erklärt?“

Meinen Namen kennt in der Karate-Szene kaum jemand. Möglicherweise hat mich der Ein oder Andere in den letzten 27 Jahren schon auf Lehrgängen oder Turnieren gesehen – schwierig genug, da ich mit 163 cm Körpergröße nicht gerade ein Blickfang bin. Also wer maßt sich hier an, Anderen zu erklären, wie Karate funktioniert?
Seit 8 Jahren ist das klassische Ballett wichtiger Teil meines Lebens. Ich müsste lügen, würde ich behaupten, dass ich mich mittlerweile wie ein graziler, weißer Schwan über „die Bretter, die die Welt bedeuten“, bewegen könnte. Was ich aber dadurch gewonnen habe, ist viel mehr als das. Es ist das Geschenk, seine Karatetechnik so unvoreingenommen betrachten zu können, als wäre es der erste Tag, an dem ich mich an den ersten Karatebewegungen versucht habe.
Ballett und Karate haben mehr gemein, als man vermuten könnte.

Ich habe viel gelernt über Körperbalance und Haltung. Auch habe ich eine Art >Agreement< mit der Schwerkraft getroffen. Ein 2jähriges Studium zum Zertifikat Tanzmedizin bei tamed Deutschland e.V. führte mich dann zum Entschluss, meine Erfahrungen aus der Verknüpfung von Tanz und Karate, anderen mitteilen zu wollen. Vieles wird einfacher, wenn man versteht, warum der Körper mit manchen Bewegungen so seine Schwierigkeiten hat. Wenn Balletttänzer das scheinbar Unmögliche auf der Bühne vollbringen, scheinen sie einen Weg gefunden zu haben, mit körperlichen Widrigkeiten umzugehen. Warum sollten wir uns dieses Wissen nicht zu Nutze machen? Wie können z.B. Balletttänzer das Bein um 180° heben und dennoch aufrecht stehen? Was und wieviel können wir davon für unseren Yoko-geri umsetzen? Und genau das möchte ich vermitteln.

Auf welchem Teil des Fußes soll man drehen? Vorderfuß oder Ferse? Diese Frage scheint eine große Bedeutung für die europäischen Karateka zu haben, da sie mir bei jedem Lehrgang gestellt wird. Sie scheint so bedeutsam zu sein, dass sie mir sogar schon von Landesreferenten gestellt wurde.
Meine Antwort lautet jedes Mal: „Weder noch!“ Damit möchte ich weder eine neue Theorie aufstellen, noch möchte ich missionieren. Stattdessen biete ich die Möglichkeit, unter Einbeziehung anatomischer Aspekte, die Wahl zu erleichtern, auf welche Weise man die Wendung oder Drehung auf dem Fuß ausführt.
Im Ballett wird auf dem Vorderfuss gewendet. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass die Tänzer auf der Bühne hauptsächlich auf gestrecktem Fuß stehen – entweder auf dem Fußballen oder sogar auf der Spitze der Großzehe (lat. hallux) im Spitzenschuh. Bei den männlichen Tänzern kommt es eher vor, dass sie auf der ganzen Fußfläche stehen. Vor allem bei Hebungen und als Unterstützung der Tanzpartnerin beim Pas-de-deux. Vor allem wegen des Spitzentanzes kommt dem Fuß im Ballett eine besondere Bedeutung zu. Bei dieser Tanztechnik ist der Fuß einer enormen Belastung ausgesetzt, der er nur standhalten kann, wenn er im Rahmen seiner anatomischen Möglichkeiten eingesetzt wird. Und die Tanzmedizin hat genau dies hinreichend untersucht.

Grob beschrieben besteht der Fuß aus dem Vorfuß, dem Mittelfuß und dem Rückfuß. Der Rückfuß besteht aus Sprungbein (lat. talus) und dem Fersenbein (lat. calcaneus).
Das Sprungbein ist in seiner Form vorne (Richtung Fussspann) breiter als hinten (Richtung Fußsohle). Stellt man sich auf den Vorfuß (siehe Abbildung), wie bei Neko-ashi-dachi, so gleitet das Sprungbein nach vorn. Schien- und Wadenbein, sitzen nun auf dem hinteren – dem schmaleren Teil des Sprungbeins. Darunter leidet die Stabilität, die es gilt durch eine gut trainierte Muskulatur auszugleichen. Wird der Fuß stattdessen gebeugt, wie es im hinteren Fuß beim Zenkutsu-dachi der Fall ist, gleitet das Sprungbein nach hinten. Schien- und Wadenbein sitzen nun auf dem vorderen – dem breiten Teil des Sprungbeins. In Folge erhöht sich die Stabilität, aber auch das Bewegungsausmaß nimmt zu, da Waden- und Schienbein vom breiteren Teil des Sprungbeins leicht aufgedehnt werden.
Tänzer wissen also, will ich auf Spitze tanzen, brauche ich eine gut trainierte Muskulatur, um das Fußgelenk im gestreckten Zustand zu stabilisieren. Karateka sollten sich merken, jede Veränderung des Beugegrades im Fußgelenk verändert die Stabilität des Selbigen. Angenommen ich möchte im Zenkutsu-dachi stehend, 90° zur Seite in Zenkutsu-dachi wenden und drehe dabei den hinteren Fuß auf dem Vorfuß, so muss ich dazu die Ferse bewusst anheben – der Fuß wird im Gelenk etwas gestreckt, die Stabilität nimmt ab. In der Folge verändert sich durch diese Bewegung jedoch auch der Körperschwerpunkt nach vorne, obwohl die Bewegung vorsieht, dass ich den vorderen Fuß lösen muss, um ihn versetzen zu können. Im Ergebnis wird die Bewegung instabiler und unsicherer je mehr ich die Ferse anhebe. Drehe ich den hinteren Fuß auf der Ferse, muss ich dazu den Vorfuß bewusst anheben. Dadurch wird die Beugung des Fußgelenks verstärkt. Damit der Po bei dieser Bewegung nicht nach hinten ausweicht, muss das hintere Kniegelenk gebeugt werden. Durch die Beugung des Kniegelenks wird die Beugung im Fußgelenk zusätzlich erhöht. Spätestens jetzt wird der Bewegungsablauf reichlich unbequem, nicht zuletzt dadurch, dass die Beugesehne des Fußgelenks enorm unter Spannung steht und durch das stetige Erhöhen der Beugung im Fußgelenk regelrecht eingequetscht wird. Man spricht auch von einem Impingement, das zu entzündlichen Reizzuständen der Sehne führen kann.

Der Fuß ist ein komplexes Gebilde. Das wir Menschen Meister des aufrechten Ganges sind, ist nicht zuletzt dem Fuß zu verdanken. Er kann Halten, Nachgeben, sich dehnen und kontrahieren. Das Fußgelenk wird durch ein Bandsystem gestützt und stabilisiert. In diesem Bandsystem befinden sich zahlreiche Rezeptoren, die zu jeder Zeit Informationen über die Lage des Körpers im Raum (Propriorezeption) aufnehmen und an das Gehirn weitergeben, welches entsprechende Impulse zurückgibt, was sich auf Balance und Stabilität auswirkt.
Ich gebe immer den Hinweis, sich bei der Wendung nicht zu sehr auf den Fuß zu konzentrieren. Der Fuß kennt seine Aufgaben. Wenn man ihn seine Arbeit machen lässt, macht er sie in der Regel ziemlich gut. Wenn man versucht, den Kontakt der Fußfläche mit dem Boden beizubehalten, gibt das nicht nur ein Gefühl der Sicherheit, sondern erhöht auch die Fläche, auf der sich der Fuß regulieren und ausbalancieren kann.
Ich denke dabei immer an den Vergleich mit Autoreifen. Je mehr Grip man am Boden hat, desto sicherer ist man unterwegs.